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Macht vs. Miteinander

  • 1. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Egal ob Berlin oder Washington: Wenige machtorientierte Akteure setzen ihre Interessen durch, während die halbwegs gemeinschaftsorientierte Mehrheit passiv dabei zusieht. Damit arbeitet sie nicht nur hart an der Demontage der eigenen Ideale sondern stabilisiert auch unfreiwillig die Machtstrukturen der Egoisten. 


Der Soziologe Heinrich Popitz schildert dazu in „Prozesse der Machtbildung“ (1968) ein eingängiges Beispiel: 


Auf dem Sonnendeck eines Schiffs stehen weniger Liegestühle zur Verfügung als es Passagiere gibt. Zunächst funktionierte die Nutzung unkompliziert: Wer geht, gibt seine Liege frei, und andere können sie übernehmen. Da sich nie alle gleichzeitig an Deck aufhalten, sind fast immer ausreichend Liegen vorhanden. Das System beruht auf dem Status quo des „freien Gebrauchs“.


Doch mit dem Zusteigen neuer Passagiere kippt die Situation. Einige Gäste beginnen, Liegen dauerhaft zu beanspruchen, indem sie sie mit Handtüchern markieren. Damit erheben sie einen Anspruch auf Exklusivnutzung, auch wenn sie nicht anwesend sind. Entscheidend ist auch, dass die „Reservierer“ ihr Vorgehen kollektiv stützen, notfalls verteidigen und später sogar „Möchtegern-Aufsteiger“ als Bewacher einstellen. 


Die übrigen Gäste sehen zwar, dass hier etwas Neues durchgesetzt wird, lassen es aber geschehen. Aus dem offenen Zugang wird so eine Ordnung des Ausschlusses – eingeführt von einer Minderheit, stabilisiert durch Symbole (Handtuch) und die Passivität der Mehrheit.


Popitz’ Schlussfolgerung: Machtstrukturen entstehen nicht erst in großen Institutionen oder durch staatliche Gewalt, sondern auch im Alltag. Drei Elemente genügen:


  1. Knappheit 

  2. Symbolische Markierung 

  3. Durchsetzungsbereitschaft



So entsteht ein stabiles Machtverhältnis: Wer zuerst handelt, verschafft sich Vorteile; wer sich fügt, legitimiert es.


Doch was, wenn die Mehrheit den Ursprungszustand zurückhaben wollte? Kompliziert, sagt Popitz:


Organisation: Einzelne Proteste laufen ins Leere. Nur wenn sich mehrere zusammenschließen, können sie wirksam gegenhalten.


Konfliktbereitschaft:

Der Versuch, reservierte Liegen zu nutzen, führt unweigerlich zu offenen Auseinandersetzungen. 


Gegensymbole und Regeln:  Die Rückkehr zum freien Gebrauch erfordert sichtbare Zeichen und Absprachen.



Dabei fällt es der gemeinschaftsorientierten Gruppe besonders schwer, diese Bedingungen zu erfüllen, denn ihre innere Orientierung beruht ja gerade auf Rücksicht, Gemeinschaft und Solidarität und es widerspricht ihrem Selbstverständnis, selbst machtorientiert und konfliktbereit aufzutreten.


So stabilisieren sich einmal etablierte Machtverhältnisse und die Rückkehr zum vorherigen Zustand wird immer unwahrscheinlicher. 


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Ich sehe momentan leider wahnsinnig viele Handtücher, Passive und Möchtegern-Aufsteiger aber nur wenig Organisation und noch weniger Konfliktbereitschaft. 


Und wenn man sich die aktuellen Daten zur Klimakrise ansieht, sind wir alle Opfer dieser Haltung.


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Der Artikel erschien zuerst auf Linkedin

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Das ganze Werk (Heinrich Popitz, „Prozesse der Machtbildung“ 1968, 38 Seiten) ist vergriffen, man kann es aber hier lesen. Es enthält weitere interessante Beispiele



 
 
 

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