Lernen
- 14. Juli
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Santiago Ramón y Cajal wollte in den 1870er Jahren eigentlich Künstler werden, aber sein Vater zwang ihn zum Medizinstudium. Er machte Nervenzellen sichtbar, indem er sie mit Silbernitrat einfärbte und erkannte dabei, dass Neuronen individuelle Zellen sind, die über Kontaktstellen (später: Synapsen) miteinander kommunizieren. Seine mikroskopischen Studien des Nervensystems legten die Grundlage der heutigen Neurobiologie und seine Nervenzellenzeichnungen zählen zu den wichtigsten visuellen Dokumenten der Wissenschaftsgeschichte.
Seine revolutionäre Idee: Lernen verändert die Verbindungen zwischen Nervenzellen.
Dennoch waren er und viele seiner Kollegen noch sehr lange davon überzeugt, dass im erwachsenen Gehirn alles festgelegt sei.
Erst in den 50er Jahren fand man heraus, dass es „Neuroplastiziät“ – also grob die Veränderbarkeit des Gehirns – bis ins hohe Alter funktioniert: Wir können bis an unser Lebensende lernen.
Und was wir lernen und denken formt die biologische Architektur unseres Gehirns.
Seien es die Londoner Taxifahrer, die 26T Straßen und deren Lage auf dem Stadtplan kennen, die Amazonasbewohner, die über 100 Arten von Grün unterscheiden und benennen können oder die Guugu Yimidhirr, australische Ureinwohner, die statt „links“ und „rechts“ Himmelsrichtungen verwenden und dadurch eine deutlich bessere Orientierung entwickeln – sie alle haben ihr Gehirn in spezifischer Art durch Erfahrungen geformt.
Und je mehr wir wissen, desto leichter dockt neues Wissen an. Wir brauchen Vorwissen – Sprache, Bedeutung, Gefühle und Kontexte – um neues Wissen einbauen zu können. Lernen ist kein Download-Vorgang bei dem Wissen von einem „Behälter“ in den anderen übertragen wird. Lernen ist ein kreativer Prozess – ein „Erarbeiten“ neuer Verbindungen – bei dem neues Wissen aktiv mit bestehendem Wissen verknüpft wird. Nur wenn Verbindungsspunkte gefunden werden, können wir lernen.
Und wenn jemand richtig gut in etwas ist, dann hatte er sich dieses Wissen in den allermeisten Fällen wegen eines inneren Bedürfnisses, einer Begeisterung erworben und nur ganz selten über Belohnung und Bestrafung. Der Job von Lehrenden, gerade in Zeiten von KI, ist entsprechend nicht, vorgefertigte Wege zu zeigen, sondern vor allem Begeisterung zu wecken und Wissen erlebbar zu machen.
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1967 lief der 22jährige Kunststudent Richard Long eine große Wiese in Wiltshire so lange auf und ab, bis ein Pfad entstand. Das war nicht nur die Geburtsstunde von Land Art und sein bekanntestes Werk, sondern auch eine hervorragende Metapher für das, was in unserem Gehirn passiert: Unsere Geschichte, unsere Erfahrungen und unser Denken schreiben sich ein und hinterlassen auf den vielbegangenen Wegen Spuren die sich in die Hirnphysiologie einprägen. Die Dinge, mit denen wir uns intensiv beschäftigen werden zum Pfad, zum Weg, zur Autobahn.
In diesem Falle also nicht „Ich denke, also bin ich.“
Sondern „Ich werde, was ich denke.“
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Bild: Richard Long, „A Line Made By Walking“
Der Text erschien zuvor auf Linkedin




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