Arbeit neu denken
- 13. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Ich habe mir einen wunderbar erzählten Vortrag über die Welt der Arbeit von Hans Rusinek angehört.
Der Erzählbogen ragte tief in die Geschichte hinein und es wurde wieder einmal klar, wie oft Arbeit immer noch mit der Brille des 19 Jh betrachtet wird.
Am meisten beschäftigt hat mich ein Gedanke, der durch eine Darstellung der Soziologin Frigga Haug (s. Bild) untermauert wurde:
„Die Krise der Arbeit wird mit ausgelöst, weil wir nur ein Viertel der Arbeit denken, wenn wir von Arbeit reden.“
Frigga Haug plädiert für eine gleichmäßige zeitliche Aufteilung der vier Arbeitsarten.
Es wäre aber schon ein großer Fortschritt, wenn wir die drei kaum erwähnten, weiteren Arbeitsarten, miteinbeziehen würden, wenn wir über Arbeit nachdenken.
Heute ist es ja eher so, dass unter dem Begriff „Arbeit“ ausschließlich Erwerbsarbeit läuft.
Care-Arbeit wird durchaus diskutiert, aber kaum mitgedacht, obwohl sie in Deutschland, mit Mindestlohn vergütet, 117 Mrd. Stunden und 34 % des BIP entspräche. (Prognos, The invisible value of care work, 2024)
They who shall not be named –
ein Gedankenexperiment im Konjunktiv:
Wenn wir das ernst nähmen, könnte sich unser Referenzrahmen verschieben. Arbeit entspräche dann dem, was Gesellschaft überhaupt erst funktionsfähig macht. Und das würde fast alles ändern:
● Wie wir Wohlstand sehen
● Wie wir Zeit verteilen
● Wie wir soziale Sicherungssysteme denken
● Wie wir Anerkennung vergeben
Vor allem aber würde es verändern, wie wir über Produktivität sprechen. Wenn alle Arbeitsformen denselben gedanklichen Raum bekämen, kippt das bisherige Narrativ. Der „Arbeitskräftemangel“ zum Beispiel sieht anders aus, wenn man anerkennt, dass ein großer Teil der gesellschaftlich unverzichtbaren Tätigkeit unsichtbar bleibt, aber dennoch täglich erbracht wird. Und dass diese Zeit nicht einfach „nebenbei“ existiert, sondern reale Grenzen setzt, die Menschen jeden Tag spüren.
Politik wiederum könnte sich dann stärker fragen, warum so viele gesellschaftlich wichtige Tätigkeiten systematisch entwertet werden und wie viel Potenzial brachliegt, weil Menschen Care-Verantwortung und Erwerbsarbeit nur widersprüchlich zusammenbringen können.
Es würde uns womöglich dazu bringen, erfolgreiche Biografien anders zu erzählen: Nicht allein über „Karriere“, sondern über den Beitrag zur Stabilität der Gesellschaft. Es würde klarmachen, dass das eine Viertel, über das wir am meisten sprechen, nur funktioniert, weil die anderen drei stattfinden und dass Zukunft dort beginnt, wo wir diese Bereiche zusammendenken, statt sie gegeneinander auszuspielen.
Wir würden uns dann ggf. nicht mehr fragen:
„Wie schaffen wir mehr Arbeitsstunden?“
sondern:
„Wie schaffen wir bessere Lebensverhältnisse, in denen alle Formen von Arbeit Zeit, Raum und Wert bekommen?“
Das wäre dann wahrscheinlich die eigentliche Revolution. Denn das könnte zu einem Menschenbild führen, dessen Wert deutlich weniger an Erwerbsarbeit gekoppelt ist.
Der Artikel erschien zuerst im Januar 2026 auf Linkedin




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